Das Feuerzeug

Ein Soldat, der lange Zeit gedient hatte, wurde entlassen. Er wanderte auf dem Weg in die Heimat in Gedanken darüber, was er jetzt anfangen oder woher er sein täglich Brot nehmen sollte.
Als er eine Weile gegangen war, sah er am Wegrand auf einem Baumstumpf ein großes altes Weib sitzen.
Die Alte fragte den Soldaten: „Wohin gehst du?“
„Ach, Alte, was fragst du danach!“
„Aber, aber, Söhnchen, nun rede schon, warum du so sorgenvoll bist.“
Nachdem ihr der Soldat berichtet hatte, daß er keine Bleibe habe und daß dazu auch das Geld knapp sei, sagte die Alte:
„Sieben Werst von hier entfernt befindet sich ein alter Schloßkeller. Im ersten Keller liegt Kupfergeld, davor wacht ein roter Hund. Im zweiten Keller ist Silbergeld, davor wacht ein weißer Hund. Im dritten Keller ist Goldgeld, davor wacht ein schwarzer Hund. Du kannst dir aus jedem Keller Geld mitnehmen, soviel du willst. Die Hunde kön-nen dir nichts antun, sie heben ihre Köpfe und schauen dich an, doch du brauchst nichts zu befürchten. Im letzten Keller liegt auf dem Tisch mein kleiner Beutel mit dem Feuerzeug. Sei so gut und hol ihn mir her. Zur Belohnung kannst du dir dort Geld nehmen, soviel du willst.“
Als der Soldat zum Keller kam, standen dessen Türen offen, und er stopfte sich zunächst die Taschen mit Kupfergeld voll. Der Hund hob den Kopf und schaute den Soldaten mit feurigem Blick an.
Der Soldat ging in die zweite Kammer, wo das Silbergeld lag, und füllte sich die Tasche mit Sil-bergeld. In der Goldkammer steckte sich der Soldat das Gold in die Jacke und in die Stiefelschäfte. Dann schob er den Beutel mit dem Feuerzeug der Alten in den Gürtel und ging aus dem Keller hinaus.
Sowie der Soldat zu dem alten Weib zurückgekehrt war, fragte sie ihn sofort nach dem Feuerzeug. Der Soldat dachte: Wer weiß, was das für ein Feuerzeug ist, daß sie es so unbedingt haben möchte, und er gab es der Alten nicht. Als ihn je-doch die Alte wegen des Beutels bedrängte, wurde der Soldat wütend und schlug die Alte nieder.
Nun war der Soldat ein reicher Mann; er hatte die Taschen voll Gold, Silber und altem Kupfer; aber er dachte nicht daran, daß das Geld zu Ende gehen könnte, und verpraßte es in den Wirtshäu-sern. Schließlich waren seine Taschen leer, und der Soldat fand keine Kopeke mehr.
Der Soldat ging wieder den Schloßkeller suchen, doch er fand ihn nicht mehr. Jetzt war der Soldat so arm, daß er nicht einmal Feuer für seine Pfeife hatte. Plötzlich erinnerte er sich, daß das Feuerzeug der Alten noch da war. Er nahm es, um für die Pfeife Feuer zu schlagen. Sobald er einmal Feuer schlug, erschien vor ihm der rote Hund und sagte: „Gib mir Arbeit!“
Nun freute sich der Soldat über ein so schönes Feuerzeug. Er schlug zum zweiten und dritten Mal Feuer, und alle drei Hunde standen vor ihm und fragten nach Arbeit. Der Soldat befahl den Hun-den, ihm Geld zu bringen. Sofort verschwanden sie, und ein jeder brachte ihm sein Geld. Nun fehlte es dem Soldaten nicht mehr an Geld. Von diesem Zeug brachten ihm die Hunde genug.
Der Soldat ging in eine Königsstadt, baute sich dort ein prächtiges Haus, und alles, was er brauchte, brachten ihm die Hunde.
Eines Abends schlug der Soldat dreimal Feuer mit dem Feuerzeug, und sofort kamen die Hunde und fragten nach Arbeit. Der Soldat befahl den Hunden, die Königstochter zu ihm zu bringen.
Die Hunde liefen davon und brachten die Königstochter in der Nacht zum Soldaten; am Morgen brachten sie sie wieder fort.
Die Königstochter begriff nicht, wie sie zu dem Soldaten hin- und wieder zurückgebracht wurde. Doch daß sie jede Nacht bei dem Soldaten schlief, das wußte sie ganz genau.
Die Tochter erzählte dem Vater, daß sie jede Nacht bei dem Soldaten schlafe, und der König stellte Wachen vor das Bett der Tochter. Die Wa-chen sahen keinen, die Königstochter aber verschwand aus dem Bett.
Der König ging zu einem Weisen, um sich Rat zu holen.
Der Weise sagte: „Bindet Eurer Tochter einen Sack mit Körnern auf den Rücken, mit der Öffnung nach unten, dann könnt Ihr am Morgen der Spur der Körner dorthin folgen, wo man sie hin-bringt.“
Am Abend band der König der Tochter einen Sack mit Körnern auf den Rücken und machte in den Sack ein kleines Loch, durch das die Körner durchfielen.
Als die Tochter in der Nacht wieder verschwunden war, schickte der König die Sucher entlang der Körnerspur bis zum Haus des Soldaten, wo sie auch die Königstochter schlafend beim Soldaten fanden.
Der Soldat wurde sofort gebunden und ins Turmgefängnis gebracht. Es wurde verkündet, daß ihm morgen früh der Kopf abgeschlagen wer-de.
Der Soldat saß im Gefängnisturm und erwartete angstvoll seine Sterbestunde. Er schaute durch das Gitter hinaus und sah einen Schusterjungen vorbeikommen.
Der Soldat bat den Jungen: „Geh in mein Haus und bringe mir vom Tisch in meinem Zimmer mein Feuerzeug her, damit ich noch eine Pfeife rauchen kann, bevor man mir den Kopf abschlägt. Deine Mühe will ich dir gut bezahlen.“
Nachdem der Soldat dem Jungen sein Haus beschrieben hatte, lief dieser davon, um das Feuerzeug zu holen. Der Soldat wartete auf die Rück-kehr des Jungen, doch er kam nicht.
Plötzlich wurden die Türen des Gefängnisturmes geöffnet, und ein Trupp Soldaten erschien, um den Gefangenen zur Hinrichtung zu führen.
Da sah der Gefangene den Jungen im Laufschritt zurückkommen. Er reichte ihm den Beutel mit dem Feuerzeug durch das Gitter. Der Soldat nahm schnell das Feuerzeug aus dem Beutel heraus und sagte:
„Ich werde noch ein letztes Mal für meine Pfeife Feuer schlagen, später werde ich keine Pfeife mehr rauchen können. Bald habt ihr mir den Kopf vom Körper abgetrennt.“
Sowie der Soldat dreimal Feuer schlug, standen seine drei Hunde vor ihm und verlangten Arbeit. Der Soldat befahl:
„Jagt diese Schwertmänner davon und alle ih-resgleichen ebenfalls zur Stadt hinaus, den König aber und seine Tochter laßt hier!“
Die Hunde jagten die Soldaten bis auf den letzten Mann davon, so daß in der ganzen Stadt keine einzige Soldatenseele mehr zu sehen war.
Der Soldat ging zum König. Der König empfing ihn freundlich und gab ihm seine Tochter zur Frau, und nach dem Tode des Königs wurde er der Herrscher.
Der Soldat bewahrte stets seinen Beutel mit dem Feuerzeug. Wenn es mit jemandem Krieg gab, rief er seine Hunde und schickte sie auf den Kriegsschauplatz, und stets war er der Sieger.
Der Soldat lebte glücklich mit seiner Frau. Wo aber das Feuerzeug jetzt ist, das weiß ich nicht.



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