Das Pferd, das Tischtuch und der Stock

In alten Zeiten hatten die Alten von Kibiküla ein Erbsenfeld. Doch jemand kam jede Nacht, zertrampelte das Feld und fraß die Erbsen.
Der Alte schickte in der ersten Nacht seinen ältesten Sohn, der Wache halten sollte. Der Sohn wachte, schlief jedoch bald ein.
In der zweiten Nacht schickte der Vater den mittleren Sohn; der wachte, schlief aber schließlich auch ein, und das Erbsenfeld war am Morgen wieder abgefressen und zertrampelt.
In der dritten Nacht schickte der Vater den jüngsten Sohn, der von seinen älteren Brüdern für dumm gehalten wurde, und auch sein Vater hielt keine großen Stücke auf ihn.
Der jüngste Sohn wachte eine ganze Weile, aber es kam niemand. Schließlich erschien ein weißes Pferd auf dem Erbsenfeld und begann zu trampeln und zu fressen. Doch dieser Sohn fing sofort das Pferd ein.
So weit so gut, aber dann verwandelte sich das Pferd in einen Mann, und dieser Mann fing an zu bitten: „Laß mich frei, ich gebe dir dafür ein wei-ßes Pferd! Wenn du zu ihm sagst: ‚Prr, stampfe mit dem Bein!’, dann stampft das Pferd mit dem Bein, und aus der Erde kommt Silbergeld hervor.“
Der Junge gab sich damit zufrieden. Der Mann verschwand, und vor dem Sohn stand ein schönes weißes Pferd. Er nahm das Pferd, brachte es nach Hause und zeigte es auch seinen älteren Brüdern. Die Brüder sahen aber, daß dieses Pferd Geld aus der Erde stampfte. Nun hielten sie Rat, wie sie dieses Pferd vertauschen könnten.
Schön und gut, am nächsten Morgen ging der jüngste Bruder fort, um die Einwohner von Kibiküla zusammenzurufen und ihnen zu zeigen, daß er ein Pferd bekommen habe, das Geld aus der Erde stampft. Die Einwohner von Kibiküla kamen auch.
Als alle Kibiküla-Einwohner versammelt waren, holte der jüngste Bruder das Pferd aus dem Stall auf den Hof und sagte: „Prr, stampfe mit dem Bein!“
Das Pferd aber stampfte nicht. Er sagte es noch einmal – wieder nichts. Während nämlich der jüngste Bruder gegangen war, um die Einwohner von Kibiküla zusammenzurufen, hatten die älteren Brüder das Pferd vertauscht.
Die Kibiküla-Leute gingen erbost nach Hause. Der Jüngste blieb traurig zurück.
In der nächsten Nacht ging er wieder auf das Erbsenfeld. Der Mann von gestern kam und fragte: „Was ist passiert?“
„Das Pferd, das du mir gegeben hast, stampft nicht mit dem Bein“, sagte der jüngste Bruder.
Der Mann gab ihm ein Tischtuch und sagte: „Wenn du sagst: ‚Tischtuch, deck den Tisch!’, dann wird das Tischtuch selbständig den Tisch decken.“
Er nahm das Tischtuch, ging nach Hause und zeigte auch dieses den älteren Brüdern.
Als jetzt der jüngste Bruder wieder fortging, um die Kibiküla-Leute zusammenzurufen, vertauschten die älteren Brüder auch das Tischtuch. Der jüngste Bruder aber wußte nichts davon.
Er ging und erzählte, daß er ein Tischtuch habe, das selbständig den Tisch mit verschiedenen schmackhaften Speisen und Gerichten decke. Die Kibiküla-Leute glaubten ihm nicht und meinten, er lüge wie vorher. Er aber sagte, daß es stimme.
Nun, die Kibiküla-Leute gingen schließlich am Abend hin. Als alle beisammen waren, brachte er sie in die Kammer, nahm die Tischdecke aus dem Schrank und sagte: „Tischtuch, deck den Tisch!“
Doch die Tischdecke deckte nicht, er sagte es noch einmal, es wurde doch nichts. Die Kibiküla-Leute wurden böse und gingen wütend nach Hau-se, weil sie zum zweitenmal betrogen wurden.
Er aber war traurig und ging in der Nacht wie-der auf das Erbsenfeld, der Mann aber kam lange nicht. Schließlich kam er doch und fragte, worum es gehe. Der jüngste Bruder beklagte sich, daß die Tischdecke, die er erhalten hatte, den Tisch nicht decke. (Ach ja: Während die Kibiküla-Leute beisammensaßen und der jüngste Bruder der Tischdecke befahl, den Tisch zu decken, hatten die älteren Brüder die schönsten Speisen vor sich.)
Nun gut, der Mann gab ihm einen Stock und sagte: „Wenn du diesem Stock sagst: ‚Stock, prügle!’, dann verprügelt der Stock, wen du verprü-geln willst.“
Er nahm den Stock und ging wieder nach Hause. Jetzt beschloß er zu prüfen, ob der Stock wirklich von selbst prügelt, und sagte: „Stock, verprü-gle den, der mein Pferd vertauscht hat!“ Ach du meine Güte, wie der Stock aus der Ofenecke he-raussprang und sofort auf die älteren Brüder losschlug und nicht eher nachließ, bis sie das weiße Pferd des jüngsten Bruders zurückgebracht hat-ten.
Nun sagte der jüngste Bruder wieder: „Stock, verprügle den, der meine Tischdecke vertauscht hat!“
O du meine Zeit, wie der Stock wieder aufsprang und wieder sofort auf die älteren Brüder losdrosch und nicht eher nachließ, bis die älteren Brüder seine Tischdecke zurückgebracht hatten.
Nun freute sich der jüngste Bruder: Alles war wieder da und dazu noch ein selbstprügelnder Stock! Er warf den Stock in die Ofenecke der Stu-be und ging hocherfreut, um die Kibiküla-Leute zusammenzurufen. Er sagte, daß er ein großes Fest gebe und daß jetzt wirklich alles vorhanden sei, das weiße Pferd, das das Geld aus der Erde stampfe, die Tischdecke, die verschiedene Gerichte auf den Tisch bringe, und auch ein selbstprügelnder Stock wäre da.
Die Kibiküla-Leute kamen am Abend wieder zu-sammen. Er holte das Pferd aus dem Stall und sagte: „Prr, stampfe mit dem Bein!“
Und o Wunder! Alle Kibiküla-Leute sahen, wie das weiße Pferd Geld in Haufen aus der Erde stampfte.
Dann brachte er sie in die Kammer, nahm die Tischdecke aus dem Schrank und sagte: „Tischtuch, deck den Tisch!“
Du meine Zeit, was da für verschiedene Gerichte und Speisen auf den Tisch kamen!
Der selbstprügelnde Stock stand im Zimmer in der Ofenecke. Als die Kibiküla-Leute in die Kammer zum Essen und Trinken gingen, kamen sie alle an dem Stock vorbei, und jeder, der vorbeikam, sagte: „Stock, verprügle mich auch“ und „Stock, verprügle mich auch.“ Doch der Stock verprügelte keinen.
Nun begannen alle ein großes Fest zu feiern, zu essen und zu trinken. Als nun schließlich genug gegessen und getrunken worden war und man vom Tische aufstand und ins Zimmer zurückging, kamen wieder alle am Stock vorbei und sagten spaßeshalber: „Stock, verprügle mich“ und „Stock, verprügle mich doch!“ Der Stock aber verprügelte keinen.
Ein alter Mann war aber beim Essen länger am Tisch sitzen geblieben. Nun kam auch er am Stock vorbei und sagte zum Spaß:
„Na, Stock, verprügle mich doch!“
Ach du meine Güte, wie der Stock jetzt aus der Ofenecke heraussprang und alle zu verprügeln begann! Es ließ gar mancher einiges von sich in der Stube zurück, einer ein Stück Hand, der ande-re ein Stück Bein, der dritte ein Stück Hinterteil.



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