Der Höllenhahn

Hans war ein armer Kätner. Er hatte so wenig Land, daß er nur von der Hand in den Mund leben konnte.
Einst gab es einen sehr trockenen Sommer, und die Dürre vernichtete das ganze Getreide des Hans, so daß er nicht einmal mehr für die Saat erntete.
Der Herbst kam, und mit dem Herbst die Zeit der Rentenzahlungen. Die Bauern brachen auf, um ihre Renten zu zahlen, und unser Hans machte sich ebenfalls schweren Herzens mit ihnen auf den Weg zum Gut, – schweren Herzens, denn er hatte keinen roten Heller, mit dem er dem Gutsherrn die Rente für sein Stückchen Land hätte zahlen können.
Nachdem alle wohlhabenden Männer ihre Zahlungen für den Herrn entrichtet hatten, kam auch unser Hans an die Reihe, zum Herrn zu gehen, was er in großer Sorge und mit vielen Seufzern tat. Nun bat er den Herrn, so lange zu warten, bis bessere Zeiten kommen.
Als der Herr das hörte, wurde er sehr böse und schrie Hans an: „Bezahle, was du zu bezahlen hast; was geht es mich an, wenn dein Korn nicht gewachsen ist!“
Hans bat den Herrn wieder und sagte: „Lieber Herr, geduldet Euch wenigstens ein halbes Jahr, dann werde ich versuchen zu bezahlen!“
Der Herr schrie ihn an: „Geh zur Hölle mit deinem Gerede! Schaffe mir das Geld in einer Woche heran und rede nicht mehr!“
Hans sah, daß seine Bitten nichts nützten, nahm sich ein Herz und machte sich auf den Weg zur Hölle.
Er gelangte auch zur Hölle. Nachdem Hans dort durch mehrere Stuben und Kammern gegangen war, kam er schließlich in ein großes Zimmer, das von Gold und Edelsteinen nur so blitzte und funkelte. Hans war vor so viel Schönheit und Pracht ganz erschrocken. In der Mitte des Zimmers saß auf einem Ehrensitz der Teufel.
Als der Teufel Hans erblickte, rief er ihn zu sich und fragte, weswegen er gekommen sei. Hans berichtete, daß er dem Herrn die Rente nicht habe zahlen können und daß der Herr ihm befohlen habe, mit dieser seiner Rede zur Hölle zu gehen.
Der alte Teufel hörte sich Hansens Geschichte bis zum Ende an und sagte dann: „Hier hast du eine Handmühle, die wird dir aus der Nothelfen. Du selbst brauchst beim Mahlen nichts zu tun, du sagst nur: ‚Steinchen, mahle!’, dann wird sie schon mahlen.“
Hans bedankte sich beim Teufel, nahm die Mühle an sich und machte sich auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, war es für Hans das erste nachzuprüfen, ob die Mühle auch gehorchte. Sowie Hans die Worte „Steinchen, mahle!“ aussprach, begannen sich die Mühlsteine klappernd zu drehen, und es kam so viel Mehl heraus, daß Hans bald alle Speicher und Nebenräume voll hatte. Nun verkaufte er das Mehl für einen guten Preis, bezahlte alle seine Schulden und legte sich noch einen Notgroschen an.
Schließlich gelangte auch zum Herrn die Kunde, daß Hans eine solche Handmühle habe, die von selbst mahlt, man braucht nur zu sagen: „Steinchen, mahle!“
Jetzt verspürte der Herr großes Verlangen nach dieser Handmühle und schickte Männer zu Hans, die ihm die Mühle wegnahmen und sie dem Herrn brachten.
Sofort machte sich der Herr daran, die Güte der Mühle zu erproben, und sagte: „Steinchen, mahle!“
Doch die Steine gehorchten dem Herrn nicht und rührten sich nicht von der Stelle.
Nun ging Hans wieder in die Hölle zum Teufel, um sich zu beklagen, daß ihm der Herr die Handmühle weggenommen habe.
Der Teufel hörte sich Hansens Geschichte an und sagte: „Macht nichts, du bekommst deine Handmühle wieder zurück!“
Mit diesen Worten gab ihm der Teufel einen bunten Hahn und erklärte: „Dieser Hahn wird dir die Handmühle zurückbringen.“
Hans bedankte sich, nahm den Hahn unter den Arm und machte sich wieder auf den Heimweg. Sie waren ein Stück Weges gegangen, da kam ihnen ein Fuchs entgegen.
Der Hahn sagte zum Fuchs: „Kriech in meinen Bauch!“
Der Fuchs gehorchte dem Hahn und kroch in seinen Bauch. Sie gingen noch ein Stück Weges weiter, da kam ihnen ein Wolf entgegen.
Der Hahn sagte zum Wolf: „Kriech in meinen Bauch!“
Der Wolf gehorchte ebenfalls dem Hahn und kroch in seinen Bauch. Sie gingen noch etwas weiter, da kam ihnen ein Bär entgegen.
Der Hahn sagte wieder: „Bär, kriech in meinen Bauch!“
Auch der Bär gehorchte dem Hahn und kroch in seinen Bauch.
Sie eilten weiter und gelangten zu einem See. Nun trank der Hahn den See in einem Zug leer. Schließlich kam Hans mit seinem Hahn zum Herrn.
Der Hahn stieg sogleich auf die große Treppe und begann laut zu krähen: „Kikeriki, kikeriki: gib dem Kätner die Handmühle zurück!“
Der Herr ärgerte sich über einen so unverschämten Hahn und ließ ihn in den Hühnerstall bringen. Sowie der Hahn unter den Hühnern war, sagte er zum Fuchs: „Fuchs, kriech aus meinem Bauch heraus und zerreiß die Hühner!“
Der Fuchs kroch aus dem Bauch des Hahnes heraus und tötete alle Hühner. Am Morgen, als man den Hühnern das Futter brachte, wollte außer dem Hahn kein Federvieh mehr fressen. Der Fuchs aber sprang aus dem Hühnerstall hinaus und lief in den Wald.
In der nächsten Nacht brachte man den Hahn in den Viehstall. Jetzt sagte der Hahn zum Wolf: „Wolf, kriech aus meinem Bauch heraus!“
Der Wolf kroch aus dem Bauch des Hahnes heraus und brachte das ganze Vieh um. Am Mor-gen, als man dem Vieh das Futter brachte, wollte kein Tier mehr fressen, alle streckten ihre Beine gegen den Himmel.
In der dritten Nacht brachte man den Hahn in den Pferdestall. Jetzt befahl der Hahn dem Bären, aus dem Bauch zu kriechen. Der Bär kroch aus dem Bauch des Hahnes und tötete sämtliche Pferde. So fanden alle Tiere des Herrn ihr Ende.
Darüber ärgerte sich der Herr so, daß er befahl, den Hahn sofort zu schlachten. Der Hahn wurde auf den Befehl des Herrn geschlachtet, gerupft, und es wurde ihm der Bauch aufgeschnitten, doch jetzt floß das Seewasser aus dem Bauch des Hahnes heraus und drohte alles zu ertränken, doch schließlich verschwand das Wasser. Nun wurde der Ofen angeheizt und der Hahn mit der Pfanne in die Ofenröhre gesteckt. Als der Hahn schön gar war, nahm man ihn aus der Ofenröhre, und der Herr aß ihn ganz allein auf.
Jetzt begann der Hahn im Magen des Herrn wieder zu krähen: „Kikeriki, gib dem Kätner die Handmühle zurück!“
Nun hatte der Herr weder am Tage noch in der Nacht Ruhe, denn der Hahn schrie fortwährend „Kikeriki“ und „Kikeriki!“ Zuletzt dachte der Herr, der Hahn werde ja einmal aus dem Bauch doch herauskommen müssen, und er sagte zu seinem Knecht: „Nimm und schlag ihm den Kopf ab, so-bald er herauszukommen beginnt, wenn ich mein Geschäft verrichte.“
Der Knecht tat, wie im der Herr befohlen, schlug aber dabei den Herrn selbst so, daß er vor großen Schmerzen zu schreien anfing und sagte: „Seht zu, daß ihr diese Mühlsteine sofort wegbringt, nun ist des Unglücks aber genug!“
Der Kätner bekam seine Handmühle zurück, und er brauchte nur zu sagen: „Steinchen, mahle!“, da fing sie wieder an für Hans zu mahlen, daß es nur so klapperte und Hans sein Leben lang keine Not mehr kannte. Nach dem Tode des Hans erbte sein Sohn diese Handmühle, und er ist jetzt der wohlhabendste Mann in seinem Dorf.



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