Der Speisesack und der Prügelsack

Es lebten einmal zwei Brüder, ein Bruder war arm und der andere reich.
Der arme Bruder ging mit seinem bißchen Korn zur Mühle, um zu den Feiertagen etwas Brot bakken zu können. Dort mahlte er glücklich sein Getreide. Dann machte er sich auf den Heimweg. Unterwegs kam plötzlich ein starker Wind auf, warf den armen Mann um und verwehte das Mehl. Das war ein großer Verlust für den armen Mann; er wußte nicht, was er anfangen sollte. Guter Rat war teuer. Er ging in eine Kate und bat um Lebensmittel. In der Kate war eine alte Frau allein zu Hause. Sie sagte, ihre Söhne seien weggegangen.
Die Alte gab dem armen Mann nichts, sagte je-doch: „Meine Söhne sind nicht zu Hause, und ich kann dir von mir aus nichts geben. Wenn sie heimkehren, dann frage sie.“
Der arme Mann blieb in der Kate, um auf die Rückkehr der Söhne zu warten in der Hoffnung, daß er hier doch noch etwas bekommen würde.
Bald kamen auch die Söhne nach Hause und erzählten der Mutter: „Ein Mann ist mit einem Sack Getreide zur Mühle gegangen; das Korn haben wir ihm nicht weggenommen, aber als er mit dem Mehl zurückging, nahmen wir ihm das Mehl ab.“
So erzählten es die Söhne zu Hause der Mutter, und der arme Mann im Nebenzimmer hörte es.
Die Mutter mahnte die Jungen: „Seid still! Der arme Mann, dem ihr das Mehl weggenommen habt, sitzt nebenan; er hört, was ihr sagt.“
Als die Söhne erfuhren, daß der Mann im Zimmer um Nahrungsmittel bat, gingen sie hin, nah-men von irgendwoher einen alten geflickten Sack, gaben ihn dem armen Mann und sagten: „Wenn du essen willst, wirf diesen Sack unter den Tisch und sage: ‚Zwei aus dem Sack’, dann wirst du ge-nug zu essen haben.“
Der arme Mann bedankte sich, nahm den Sack über die Schulter und machte sich auf den Heimweg. Unterwegs dachte er an die Worte der jun-gen Männer und an den Sack, glaubte aber nicht, daß es so geschehen würde.
Aus Neugierde beschloß er, sofort einen Versuch zu machen. Am Wege stand ein Baumstumpf. Der arme Mann setzte sich darauf, warf den Sack hin und sagte: „Zwei aus dem Sack!“, und sofort standen verschiedene Speisen vor ihm, also bitte schön, iß nur!
Der arme Mann aß sich satt und sagte dann: „Zwei zurück in den Sack!“
Sofort waren die Speisen verschwunden, und es war alles wie zuvor.
Sowie der arme Mann nach Hause gekommen war, sagte er zu seiner Frau: „Wollen wir essen!“
Die Frau erwiderte: „Wir haben doch nichts zum Essen. Was redest du für einen Unsinn.“
Der arme Mann setzte sich an den Tisch, warf den Sack unter den Tisch und sagte: „Zwei aus dem Sack!“
Sofort war der Tisch mit verschiedenen Speisen gedeckt. Nun aßen beide, der Mann und die Frau, bis sie satt waren. Nach dem Essen sagte der Mann wieder: „Zwei zurück in den Sack!“
Sogleich waren alle Speisen vom Tisch verschwunden, und alles war wie vorher.
Während der Feiertage kam der reiche Bruder einmal den armen Bruder besuchen. Beide Brüder setzten sich an den Tisch zum Essen. Da sagte der arme Bruder, am Tisch sitzend: „Zwei aus dem Sack!“
Sofort war der Tisch mit verschiedenen Speisen gedeckt. Beide aßen sich satt. Als sie mit dem Essen fertig waren, sagte der arme Mann: „Zwei zurück in den Sack!“
Und alle Speisen waren sofort vom Tisch verschwunden.
Der reiche Bruder sah, daß der arme Bruder ihn nur durch ein paar Worte mit verschiedenen teuren Speisen aus dem Sack bewirtet hatte. Sofort begann er den armen Bruder zu bitten, den Sack ihm zu geben: „Zu mir kommen oft große Herren zu Besuch, es wäre schön, wenn ich dann keine Speisen vorzubereiten brauchte.“
Schließlich gab der Arme dem Bruder den Sack und bekam dafür eine Menge Getreide.
Als das Getreide, das der Arme vom Bruder für den Sack bekommen hatte, verbraucht war und er von seinem Bruder nun weder den Sack noch Getreide bekam, ging er wieder in die bekannte Kate, um sich einen anderen Sack zu erbitten. Es wurde ihm auch sofort ein Sack gegeben, doch kein geflickter mehr, sondern ein seidener.
Der arme Mann ging mit dem Sack nach Hause. Zu Hause sagte er: „Zwei aus dem Sack!“
Sofort kamen zwei große Männer mit eisernen Knüppeln aus dem Sack und gingen auf ihn los. Der arme Mann sagte schnell: „Zwei zurück in den Sack!“, und die Knüppelmänner waren verschwunden.
Es geschah, daß der reiche Bruder wieder einmal den armen besuchen kam und bei ihm den seidenen Sack sah. Sofort begehrte er ihn für sich und wollte mit dem armen Bruder tauschen. Der arme Bruder war auch gleich mit dem Tausch einverstanden.
Der Reiche ging frohen Herzens mit dem seidenen Sack nach Hause.
Zu Hause rief er sofort: „Zwei aus dem Sack!“
Doch, o Jammer! Aus dem Seidensack kam eine Schar Männer mit Eisenknüppeln heraus und stürzte sich auf den reichen Bruder. Der versuchte wohl, durch die Öffnung über die Darrenstange zu entkommen, doch es half ihm nichts, und er wurde von den Knüppelmännern furchtbar verprügelt.
Der arme Mann dankte dem Schicksal, daß er den alten Sack vom reichen Bruder zurückbekommen hatte, und ernährte sich weiter mit seiner Frau aus dem Sack.



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