Der Wunderring

In alten Zeiten lebte ein Kaufmann. Dieser Kaufmann hatte einen einzigen Sohn.
Einmal sagte der Sohn zum Vater: „Gib mir Geld, ich gehe auf die Reise!“
Der Vater gab ihm hundert Rubel, und der Sohn ging. Am Wege sah er, wie Hirtenjungen einen jungen Hund aufknüpfen wollten. Den jungen Mann erfaßte Mitleid, er wollte das arme Tier aus den Händen der ungezogenen Kinder erretten.
„Was wollt ihr haben? Verkauft mir den Hund!“
Die Jungen verlangten hundert Rubel. Der Kaufmannssohn gab ihnen die hundert Rubel und ließ den Hund laufen.
Der Hund sagte: „Hab Dank dafür, daß du mich befreit hast. Wenn du in Not bist, rufe mich zu Hilfe!“
Der junge Mann ging nach Hause.
Der Vater fragte: „Wofür hast du das Geld ausgegeben?“
Der Sohn antwortete: „Ich habe es den Armen gegeben.“
Am ändern Tage sagte der Sohn wieder: „Vater, gib mir Geld, ich will auf Reisen gehen!“
Der Vater gab hundert Rubel, und der Sohn ging. Unterwegs sah er, daß Hirtenjungen eine Katze ertränken wollten. Den jungen Mann erfaßte Mitleid, und er wollte das arme Tier aus den Händen der ungezogenen Kinder befreien.
„Was wollt ihr haben? Verkauft mir die Katze!“
Die Jungen verlangten hundert Rubel, der Kauf-mannssohn gab ihnen das Geld und ließ die Katze frei.
Die Katze sagte: „Hab Dank, daß du mich freigekauft hast. Wenn du in Not bist, rufe mich zu Hilfe!“
Der Sohn ging nach Hause. Der Vater fragte: „Wofür hast du das Geld ausgegeben?“
„Ich habe es den Armen gegeben“, erwiderte der Sohn.
Am ändern Tage sagte der Sohn wieder: „Vater, gib mir Geld, ich will auf die Reise gehen!“
Der Vater gab hundert Rubel, und der Sohn ging. Unterwegs sah er, daß Hirtenjungen eine schwarze Schlange töten wollten. Den jungen Mann erfaßte Mitleid, und er wollte das arme Tier aus den Händen der ungezogenen Kinder befreien.
„Was wollt ihr haben? Verkauft mir die Schlange!“
Die Jungen verlangten hundert Rubel. Der Mann gab ihnen das Geld und nahm die Schlange mit. Unterwegs spielte er mit der Schlange; sie war sehr ruhig und tat ihm nichts. Schließlich legte er die Schlange in seine Mütze.
Als er die Mütze wieder vom Kopf nahm, wurde die Schlange plötzlich zu einem jungen Mädchen.
„Hab Dank, daß du mich aus der Gefangenschaft befreit hast. Jetzt komm mit, um von unserem Vater den Lohn zu erhalten; nimm nichts an, was er dir anbietet, außer einem Ring, den er am Finger trägt. Den will er keinem geben. Das ist ein sehr teurer Ring: Alle Wünsche, die du durch die-sen Ring hindurchsprichst, gehen in Erfüllung.“
Der Mann ging zusammen mit dem Mädchen zu ihrem Vater. Der freute sich sehr, daß seine Tochter, die lange Zeit eine Schlange gewesen war, wieder nach Hause gebracht wurde, und bot dem Kaufmannssohn verschiedene Dinge an.
„Ich habe es nicht um Lohn getan“, sagte er, „doch wenn du mir danken willst, dann gib mir den Ring, den du am Finger trägst, als ein Erinne-rungsgeschenk.“
Der alte Mann wehrte sich zwar dagegen, doch schließlich gab er den Ring.
„Daß du ihn aber keinem gibst!“ fügte er mit Nachdruck hinzu.
Der Mann ging mit dem Ring nach Hause. Sonderbarerweise waren aber in der Zeit, die ihm wie einige Stunden erschien, drei Jahre vergangen. Sein Vater war inzwischen gestorben, seine Mutter war erblindet und das Geschäft verkommen.
Da sprach er schnell durch den Ring hindurch: „Die Mutter soll gesund werden und das Geschäft wieder neu!“
Am nächsten Morgen war die Mutter tatsächlich gesund, und das Geschäft war neu. Jetzt wollte der Mann freien gehen. Unterwegs kam ihm das-selbe Mädchen entgegen.
„Willst du meine Frau werden?“ fragte der Kaufmannssohn.
Das Mädchen erwiderte: „Wenn du eine Marmorbrücke über den Fluß und eine Kirche aus Wachs baust und am Wegrand Apfelbäume pflanzt, die da blühen, wenn wir zur Kirche gehen, und reifes Obst tragen, wenn wir zurückkommen, dann werde ich dich heiraten.“
Am Abend sprach der Mann durch den Ring: „Es führe eine Marmorbrücke über den Fluß, und eine Wachskirche stehe fertig daneben; am Wegrand sollen Apfelbäume stehen, die blühen, wenn wir in die Kirche gehen, und reife Äpfel tragen, wenn wir zurückkommen.“
Am nächsten Morgen stand alles fertig da. Der Mann ging mit der Frau zur Trauung – die Apfel-bäume blühten; sie kamen zurück – das Obst war reif. Die Frau war aber schlechter Laune. Sie wollte vom Mann fortgehen, deshalb versuchte sie, ihm den Ring abzuschmeicheln. Der Mann wollte ihn zwar nicht geben, doch schließlich brachte sie ihn so weit, daß er ihr den Ring gab.
Die Frau sprach durch den Ring:
„Die Marmorbrücke soll verschwinden die Apfelbäume und die Kirche sollen auch verschwinden. Die Mutter des Mannes soll blind und das Geschäft alt sein.“
Dann ging sie selbst nach Hause.
Der Mann war traurig über sein Unglück und bedauerte, daß er den Schmeicheleien der Frau nachgegeben hatte. Er wanderte hinaus, und plötzlich erinnerte er sich der Katze und des Hundes.
„Wenn sie hier wären, könnten sie mir helfen.“
Da waren schon der Hund und die Katze zur Stelle. Der Mann berichtete ihnen von seiner Not.
„Wir versuchen, dir zu helfen“, sagte der Hund.
Die Katze setzte sich dem Hund auf den Rükken, und sie schwammen über den Fluß; das Mädchen spazierte gerade im Rosengarten. Die Katze machte sich ein schönes goldenes Fell und ging hin, um sich anzufreunden. Dem Mädchen gefiel die Katze sehr. Sie brachte die Katze ins Zimmer. Den Ring trug das Mädchen stets am Finger. Nur beim Waschen nahm sie den Ring vom Finger und steckte ihn in den Mund. Die Kat-ze machte ihren Schwanz schmutzig und schlug dem Mädchen dann – klaps! gegen den Mund. Ph, ph, ph spuckte das Mädchen, und der Ring fiel aus dem Munde.
Die Katze steckte den Ring in den Mund und flitzte davon zum Flußufer, setzte sich dem Hund auf den Rücken und schwamm über den Fluß.
Der Kaufmannssohn bekam den Ring und sprach durch ihn hindurch:
„Die Marmorbrücke führe über den Fluß, die Mutter sei gesund, das Geschäft sei neu. Die Apfelbäume sollen am Wegrand wachsen, und die Frau sei zu Hause!“
So geschah es auch am nächsten Morgen. Zwar versuchte jetzt die Frau wieder zu schmeicheln, doch der Mann gab ihr nicht mehr den Ring.



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