Die Tiere als Schwäger

In alten Zeiten lebte ein Besenbinder. Jeden Morgen nahm er seine Besenlast auf den Rücken, ging in die Stadt und verkaufte sie dort; gegen Abend ging er dann durch einen Wald nach Hause und bereitete die Ware für den nächsten Tag vor. Auf diese Weise ernährte er mit Mühe und Not seine Familie, die fünf Personen zählte. Zu seiner Familie gehörten: er selbst, seine Frau und drei Töchter.
Einmal, als der Mann wieder mit seiner Besen-last in die Stadt ging, kam ihm ein vornehm gekleideter Herr entgegen und fragte: „Was mühst du dich so ab unter dieser Last, Männlein? Sie nimmt dir ja den Atem, kannst du dein Brot nicht leichter verdienen?“
„Ich bekomme keine andere Arbeit“, antwortete der Alte.
„Gib doch deine Älteste meinem ältesten Pflegesohn zur Frau, und ich gebe dir dafür einen Scheffel Kupfer.“
„Das kann ich dir nicht versprechen“, sagte der Alte und ging weiter der Stadt zu.
Als er am Abend nach Hause kam, war die älte-ste Tochter nicht mehr zu finden. Statt ihrer lag aber in einer Ecke ein Scheffel Kupfer.
Am nächsten Tag nahm er wieder seine Besen-last auf den Rücken und ging in die Stadt. Unterwegs kam ihm ein recht alter Mann entgegen und sagte: „Kannst du dein Brot denn nicht leichter verdienen? Mußt du eine so schwere Last schlep-pen?“
»Leichter läßt sich das Leben nicht meistern.“
„Gib deine mittlere Tochter meinem mittleren Pflegesohn zur Frau, und ich gebe dir einen Scheffel Silber.“
„Das kann ich dir nicht versprechen“, erwiderte der Mann.
Am Abend, als er nach Hause kam, war die mittlere Tochter verschwunden, und ein Scheffel Silber lag in der Ecke.
Am dritten Tag ging der Mann wieder in gewohnter Weise mit der Besenlast in die Stadt. Unterwegs kam ihm ein alter Mann entgegen.
„Gib deine jüngste Tochter meinem jüngsten Pflegesohn zur Frau, und ich gebe dir einen Scheffel Gold.“
„Das kann ich dir nicht versprechen“, erwiderte der Alte.
Am Abend war aber auch die jüngste Tochter verschwunden, und in der Ecke lag ein Scheffel Gold.
Jetzt lebte der Alte mit seiner Frau und trauerte den Töchtern nach. Schließlich fanden sie Trost in dem kleinen Sohn, der ihnen auf ihre alten Tage noch geboren wurde.
Der Kleine wuchs zu einem kräftigen Jungen heran, und der alte Mann konnte sich niemals von ihm trennen.
Als der Knabe sieben Jahre alt wurde, sagte ihm der Vater einmal: „Söhnchen, du hattest drei Schwestern, aber sie sind alle verlorengegangen.“
„Erlaube mir, daß ich sie suchen gehe“, sagte darauf der aufgeweckte Knabe.
„Wo willst du sie suchen gehen? Du bist noch klein und wirst mir am Ende selbst verlorengehen, dann habe ich wieder keine Kinder.“
Der Junge aber drängte immer wieder: „Erlau-be“ und „erlaube“, so lange, bis es ihm der Vater schließlich erlaubte. Der Junge machte sich auf den Weg.
Unterwegs sah er, wie sich zwei Männer stritten.
„Was streitet ihr euch, Männer?“
Die Männer unterbrachen ihren Streit, und der eine sagte: „Unser Vater ist gestorben und hat uns eine große Erbschaft hinterlassen. Da ist sie!“
Er wies auf einen Hut, einen Stock und auf Bastschuhe, die auf dem Wege lagen.
„Wegen dieser wertlosen Sachen? Ich würde sie noch nicht mal vom Boden aufheben.“
„O nein! Es sind allesamt sehr teure Sachen: Wenn du die Bastschuhe anziehst, kannst du jeweils dort hingelangen, wo du gerade hinwillst; setzt du den Hut auf, sieht dich niemand; schlägst du jemanden mit dem Stock, so ist er im Nu ver-schwunden. Solche Sachen sind es. Kannst du unseren Streit nicht schlichten?“
„Erlaubt, daß ich vorher den Wert dieser Sachen ausprobiere, danach werde ich schon ein Urteil finden“, sagte der junge Mann.
Er zog die Bastschuhe an, setzte den Hut auf, nahm dann den Stock und schlug mit ihm jeden der Männer einmal. Da waren sie im Nu verschwunden.
Jetzt sagte er: „Ich möchte zu meiner ältesten Schwester kommen!“
Bald war er da.
„Guten Tag, Schwester! Kennst du mich nicht?“
„Ich kenne dich nicht.“
„Ich bin doch dein Bruder.“
„Das kann sein. Doch als ich da war, gab es dich noch nicht.“
Nun bekam der Gast zu essen, und es wurden angenehme Gespräche geführt.
Das Haus stand tief im Walde. Plötzlich begann der Wald zu rauschen, als wäre ein starker Wind aufgekommen.
„Mein Mann kommt nach Hause, gehe jetzt schnell weg, sonst könnte er dir was antun, wenn er dich als einen Fremden sieht!“
Der Junge setzte den Hut auf und war verschwunden. Plötzlich kam ein großer Bär in die Stube, schüttelte seinen Pelz ab und stand da als ein hübscher junger Mann.
„Warum bist du so traurig?“ fragte er seine Frau.
„Ja, mein kleiner Bruder war heute hier“, entgegnete die Frau.
„Oh, warum hast du ihn so schnell weggehen lassen“, bedauerte der Mann, „ich hätte ihn auch gern gesehen.“
„Ich bin auch jetzt noch hier“, sagte der Bruder und nahm den Hut ab.
Nun feierten sie die Zusammenkunft mehrere Tage lang. Schließlich machte sich der Bruder auf den Weg.
Der Bär zog aus seinem Pelz drei Haare heraus und sagte: „Wenn du meine Hilfe brauchst, dann schau auf diese drei Haare und sprich: ‚Wenn nur mein ältester Schwager hier wäre’, dann komme ich dir sofort zu Hilfe.“
Der Bruder verabschiedete sich und wünschte: „Wär’ ich doch jetzt bei meiner mittleren Schwester“, und er war auch schon dort.
Ein großes silbernes Schloß stand auf einem hohen Bergkamm, mit silbernen Türmen und Dä-chern.
„Guten Tag, Schwester! Kennst du mich nicht?“
„Ich kenne dich nicht“, erwiderte die Schwester.
„Ich bin doch dein Bruder.“
„Dann gab es dich noch nicht, als ich da war.“
Wieder bekam er zu essen, und es wurden an-genehme Gespräche geführt. Plötzlich kam ein starkes Rauschen auf wie vor einem Regenguß mit starkem Wind.
„Mein Mann kommt nach Hause“, sagte die Schwester. „Es könnte dir schlecht ergehen, wenn er dich hier als einen Fremden findet!“
Der Bruder setzte den Hut auf und war ver-schwunden. Plötzlich kam ein großer Adler, setzte sich vor dem Hause nieder, schüttelte die Federn ab und war jetzt ein schöner junger Mann.
„Warum bist du so traurig“, fragte er seine Frau.
„Ja, mein kleiner Bruder war heute hier.“
„Warum hast du ihn so schnell weggehen lassen. Ich hätte ihn auch gern gesehen.“
„Ich bin auch noch nicht fort“, sagte der Bruder und nahm den Hut vom Kopf.
Jetzt dauerte das Feiern mehrere Tage, sie wollten ihn nicht weglassen. Doch der Bruder machte sich schließlich auf den Weg.
Der Adler gab ihm drei seiner Federn und sag-te: „Wenn du meine Hilfe brauchst, so schau auf diese Federn und sprich: ‚Wenn nur mein mittlerer Schwager hier wäre’, dann bin ich sofort da.“
Der Bruder verabschiedete sich und wünschte: „Wär’ ich doch jetzt bei meiner jüngsten Schwester!“
Bald war er dort. Am Meeresstrand stand ein goldenes Schloß, halb im Wasser, halb am Ufer. Der junge Mann trat ein.
„Guten Tag, Schwester! Kennst du mich nicht?“
„Ich kenne dich nicht.“
„Ich bin doch dein Bruder.“
„Dann gab es dich wohl noch nicht, als ich da war.“
Wieder bekam er zu essen, und es wurden an-genehme Gespräche geführt. Plötzlich begann das Meer zu rauschen.
„Mein Mann kommt nach Hause“, sagte die Schwester, „du mußt jetzt weggehen, es könnte dir schlecht ergehen, wenn er dich hier als einen Fremden findet!“
Der Bruder setzte den Hut auf und war verschwunden. Ein großer Hecht kam angeschwommen, schüttelte seine Schuppen ab und war ein hübscher junger Mann.
„Warum bist du heute so traurig?“ fragte er seine Frau.
„Ja, mein kleiner Bruder war heute hier.“
„Warum hast du ihn so schnell weggehen lassen?“
„Ich bin auch noch gar nicht weit weg“, sagte der Bruder und nahm den Hut vom Kopf.
Nun feierten sie mehrere Tage. Man wollte ihn gar nicht mehr weglassen. Schließlich machte sich der Bruder doch auf den Weg.
Der Hecht gab ihm drei seiner Schuppen und sagte: „Wenn du meine Hilfe brauchst, dann schau diese Schuppen an und sprich: ‚Wenn nur der Mann meiner jüngsten Schwester jetzt hier wäre’, dann bin ich sofort da.“
Der Bruder verabschiedete sich und ging. Un-terwegs dachte er, wie er seine Schwäger befreien könne, denn sie waren, wie er von ihnen selbst gehört hatte, schon als kleine Kinder vom Teufel gestohlen worden. Er wünschte: „Ich möchte jetzt auf dem Gut des Teufels sein!“
Bald darauf war er da und begann sehr böse vom Teufel die Schlüssel zum Gefängnis zu fordern.
„Sag, wo sind die Schlüssel zum Gefängnis!“
„Im Stall, im Stier mit der Blesse“, entgegnete ihm der Teufel.
Der junge Mann ging in den Stall, um nachzu-sehen.
Der große Stier war mächtig böse, so daß man nicht einmal in seine Nähe gelangen konnte.
Der Junge nahm die Haare des Bären und sagte: „Wenn nur der Mann meiner ältesten Schwester jetzt hier wäre!“
Bald war der Bär auch zur Stelle und zerriß den Stier. Der junge Mann durchsuchte ihn, fand aber nichts. Er ging und verlangte von neuem: „Sag sofort, wo die Schlüssel zum Gefängnis sind!“
„Im Pferdestall, links im Schwanz.“
Der junge Mann ging hin, um nachzusehen.
Der Hengst war groß und feurig und ließ keinen in die Nähe.
„Wenn nur der Mann meiner ältesten Schwester jetzt hier wäre“, sagte der junge Mann und schaute dabei auf die Haare des Bären.
Bald war der Bär zur Stelle und zerriß den Hengst. Aus dem Hengst flog ein Täubchen her-aus.
Der junge Mann nahm die Federn des Adlers und sagte: „Wenn nur der Mann meiner mittleren Schwester jetzt hier wäre!“
Bald war der Adler zur Stelle und jagte hinter dem Täubchen her. Über dem Meer erreichte er es und zerriß es. Aus dem Täubchen fiel ein Ei ins Meer hinab.
„Wenn nur der Mann meiner jüngsten Schwe-ster jetzt hier wäre!“ sagte der junge Mann und schaute die Fischschuppen an.
Bald war der Hecht da und holte das Ei heraus.
Der junge Mann zerschlug das Ei an einem Stein und fand darinnen die Gefängnisschlüssel. Er öffnete alle Gefängnistüren, ließ die Gefangenen heraus und verbrannte des Teufels Seelenverzeichnis. Den Teufel selbst schlug er mit dem Stock tot.
Dann rief er seine Schwäger mit den Schwestern und den Vater mit der Mutter auf das Gut des Teufels, damit sie dort leben konnten. Später nahm er sich ebenfalls eine Frau. Und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er auch noch heute.



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