Die Wohltaten des heiligen Baumes

Es lebte einmal in alten Zeiten ein armer Häusler – einige Werst von einem Dorf entfernt – in seinem kleinen alten Häuschen, das in einer Ebene am Rande eines großen Sandberges stand. Der Mann lebte freilich nicht ganz allein in seinem Haus, so wie ein trockener Baum zwischen frischen Bäumen. Er hatte auch eine Frau bei sich, die ihn wärmte. Da aber diese Wärme allein nicht ausreichte, mußte jeden Abend auch der Ofen geheizt und dazu das Holz besorgt werden. Der Wald lag jedoch weitab, und so mußte der Mann das Holz und das Reisig ein ganzes Stück auf dem Rücken heimtragen.
Eines Tages, als draußen ein starker Sturm tobte und die Bäume brach, Sand und Erde aufwirbelte, sehr viele Dächer von den Häusern riß, mußte der Mann wieder in den Wald gehen, um Holz zu holen.
Er nahm ein altes Beil auf den Rücken, faßte sich ein Herz und ging festen Schrittes auf den Hof hinaus.
„Himmel, Herrgott, Sapperment! Bei solch einem Wetter gehe ich nicht erst in den Wald, statt dessen werde ich heute auf die Weide und zu der alten heiligen Eiche gehen. Soll der Baum heilig und ich sündig sein, was kümmert es mich! Ich werde hingehen und den Baum einfach umhauen!“
So sprach der Mann und machte sich auf den Weg zur Koppel, wo die heilige Eiche stand. Dort ging er einige Male pfeifend um den Baum herum und betrachtete ihn eingehend vom Stamm bis zur Krone. Dann warf er die Mütze auf die Erde, hob das Beil, und es sauste ein Schlag auf den Baum, daß es nur so krachte.
Plötzlich hob sich der Erdboden, und ein graues Männchen trat unter den Wurzeln des Baumes hervor an den Mann heran.
„Halt!“ befahl das graue Männchen, fragte aber dann etwas freundlicher: „Sag mal, Mann, welche Not hat dich heute gezwungen, Hand an diesen heiligen Baum zu legen?“
„Nöte und Mängel habe ich genug, doch der Mangel an Holz für den Ofen trieb mich heute bei diesem bösen Wetter hierher zu der alten Eiche.“
So antwortete der Mann.
„Laß diesen heiligen Baum in Ruhe, geh nach Hause, dort wirst du einen sechsfachen Holzstoß draußen vor dem Schuppen finden“, sagte der graue Alte und schlüpfte zurück unter die Baumwurzeln.
Der Mann ging daraufhin nach Hause und mußte sich sehr wundern, daß ihm der Alte die Wahrheit gesagt hatte, denn die Holzstöße waren höher als die Zaunpfähle.
Als er seiner Frau von der Sache erzählt hatte, sagte diese: „Du Narr und Dummkopf, hast diesen alten Graubart so leicht davongehen lassen. Du hättest ihn doch viel stärker bedrängen müssen, damit er dir viele Reichtümer verspricht. Geh schnell zurück und drohe, den Baum zu fällen. Vielleicht kommt er wieder, dann verlange reichlich von allem!“
Der Mann nahm wieder sein Beil, ging auf die Koppel zu dem heiligen Baum, schlug gegen den Stamm, und der alte Mann war sofort zur Stelle und fragte laut mit krächzender Stimme: „Was willst du, du museliger Specht, was klopfst du wieder hier am Baum? Brauchst du immer noch Holz?“
„Holz brauche ich gerade nicht“, antwortete der Mann, „doch ein neues Haus brauche ich, und es soll viel größer sein als das alte. Auch benötige ich eine neue Scheune mit großen Verschlägen, gefüllt mit Korn. Und so manches andere noch, was ein Bauer gebrauchen könnte, verlange ich dafür, daß ich den heiligen Baum wachsen lasse.“
„Das alles erhältst du reichlich. Gehe nach Hause und sieh nach, alles ist schon fertig“, sagte der graue Alte und verschwand wieder unter den Baumwurzeln.
Der Mann ging nach Hause – und siehe das Wunder! Es stand ein neues Haus, die Scheune groß und geräumig, die Verschläge mit Korn gefüllt, an Hausrat war alles da, sogar die Frau sah viel schöner und jünger aus. Der Mann freute sich sehr. Woran sollte es ihm jetzt noch fehlen, um als Häusler zu leben?
Nachdem der Mann einige Jahre so gelebt hatte, erwachte in seinem Herzen der Ehrgeiz, und er wollte zum Richter über die Dorfbewohner wer-den. Wieder nahm er sein Beil zur Hand, ging zum Baum und drohte, ihn zu fällen.
Der graue Alte trat wieder vor ihn hin und frag-te: „Was fehlt dir nun noch?“
„Nichts, ich möchte nur Dorfrichter werden; und wenn du mir nicht zu diesem Amt verhilfst, werde ich den heiligen Baum fällen, daß es über Land und Wald nur so widerhallt“, sprach der Häusler laut zu dem grauen Alten.
„Nun, bald sollst du auch Dorfrichter werden. Gehe nur ruhig nach Hause“, sprach der graue Alte.
Der Mann ging nach Hause, und am nächsten Tag traten die Dörfler im Gemeindehaus zusam-men und wählten den Häusler zum Richter.
Nun begannen für den Mann goldene Tage mit lustigen und glücklichen Abendstunden. Alle Dorfbewohner mußten seine Befehle ausführen und sich vor seinen Strafen wie vor dem Feuer fürchten. Am Tage wurde dem Mann ein rechtes Maß an Ehre und Glück zuteil, am Abend verbrachte er die Zeit in der Wirtsstube bei Wein und Bier, wo er fortwährend geküßt wurde und jedermann ihn im Hellen wie im Dunklen kannte. So lebte der Mann in seinem ehrlichen Amt einige Jahre fröh-lich und zufrieden.
Schließlich aber ereignete sich doch eine dum-me Geschichte. Ein Gutsherr verlangte, daß der Richter die Dorfbewohner in einer von ihm vorge-sehenen Richtung einen neuen Weg bauen lasse. Der Richter jedoch glaubte mächtig genug zu sein und ließ nach eigenem Willen einen sehr gewundenen und krummen Weg bauen. Als der Gutsherr von der Sache erfuhr, wurde er sehr böse, ließ den Richter aufs Gut kommen und ihm dort für seinen Ungehorsam zur Belehrung dreißig Streiche auf sein Hinterteil verabfolgen.
„Tausend Teufel, hundert Gehörnte!“ jammerte der Mann und ging nach Hause. Sein erstes Werk war, sofort das Beil zu nehmen und zum heiligen Baum zu gehen.
Nachdem der Mann dem Baum zwei Schläge versetzt hatte, steckte das graue Männchen den Kopf aus der Erde heraus und fragte: „Was hat dich nun wieder zum Baum geführt?“
„Zum Teufel mit dem Amt des Richters und all den kleinen mühseligen Diensten und Ämtern, bei denen nichts in die eigene Tasche abfällt und wo der Mensch für nichts und wieder nichts verprügelt wird“, sagte der Mann und fügte hinzu: „Ich will jetzt Gutsherr werden. Deshalb kam ich hier-her. Wenn du mir diese Ehre versprechen kannst, laß ich den Baum wachsen; wenn nicht, muß er unter den Schlägen meiner Axt fallen, daß die Splitter gegen den Himmel fliegen und die Äste stöhnend zur Erde sausen!“
„Geh hin in Ruhe, dein Wille wird erfüllt werden“, sagte das graue Männchen und zog den Kopf wieder unter die Erde zurück.
Leichten und schnellen Schrittes und mit frohem Herzen ging der Mann nach Hause, und sein Herz klopfte wie ein Kalbsschwänzchen und wollte vor Freude aus der Brust herausspringen, als er an der Stelle seines Bauernhauses ein schönes Gutshaus sah.
Sobald er hineinging – was für ein froher Augenblick! Alle Stuben und Säle waren voll mit herrschaftlichen Sachen und prächtigen Kleidern, es waren ihrer so viele, daß die Augen des Man-nes wie trunken von all dem Bunten waren. Plötzlich ging die Stubentür auf, und seine Frau kam heraus, goldene Schuhe an den Füßen, ein schö-nes Seidenkleid an, eine Rosenhaube auf dem Kopf, einen silbernen Becher in der Hand, um dem Mann ein paar Schluck teuren Weins zu kosten zu geben. Der Mann aber schlang ihn gierig hinunter, dann drehte er sich vor dem großen Spiegel, der vom Fußboden bis zur Zimmerdecke reichte. Danach nahm er die Frau bei der Hand und lustwandelte mit ihr in einem großen Saal, wo sie die Zeit mit dem Betrachten der schönen Sachen verbrachten und das blühende Glück und das Leben lobten.
So floß das Leben einige Jahre sehr angenehm dahin. Der Mann besuchte andere Gutsherren, und diese besuchten ihn. Doch allmählich paßte ihm das Leben eines Gutsherrn nicht mehr, er wollte General werden und viele Orden an seiner Brust tragen. Deshalb nahm er das Beil zur Hand und ging zum Baum, um ihn zu fällen.
Der graue Alte steckte den Kopf aus den Baumwurzeln heraus und fragte den Mann nach seinem Wunsch, den ihm dieser dann auch sogleich ver-riet.
Der Baumgeist sagte, nachdem er ihn angehört hatte: „Diese Ehre kann ich dir nicht umsonst ge-ben, du mußt für ein Jahr zum König dienen ge-hen, dann hast du bald Orden an der Brust. Ich will dir das Naß aus der Weisheitsquelle über den Kopf gießen, damit du alles sehr schnell erlernst.“
Daraufhin verschwand der graue Alte und kam bald zurück mit einer goldenen Schale in der Hand, die silberfarbenes Naß enthielt, das er dem Mann mit folgenden Worten über den Kopf goß:
„Viel Weisheit tue ich in deinen Kopf, damit du ehrenvolle und glückliche Tage siehst, im König-reich berühmt wirst und Orden an der Brust trägst! Dich werden alle Dörfler verehren, und die Gemeinden werden kommen, um dich zu sehen!“
Sowie der graue Alte dem Mann das silberne Naß über den Kopf gegossen und das letzte Wort gesprochen hatte, verschwand er wieder im Scho-ße der schwarzen Erde unter den Wurzeln und aus den Augen des Mannes, und der Mann ging mit großen Schritten und frohen Herzens nach Hause.
Nachdem er die Nacht geschlafen hatte, machte er sich am nächsten Tag auf den Weg und ging in die Stadt des Königs, wo ihn der König freundlich in seinen Dienst aufnahm. Und da sein Kopf voller Weisheit war, erhielt er in kurzer Zeit einen Orden nach dem andern, und der Name des Mannes wurde sehr berühmt.
Als das Jahr vorüber war, kehrte der Mann mit großen Ehren und großer Macht auf sein Gut zurück. Dort versammelten sich nach den Worten des grauen Alten alle Dorfbewohner, um ihn zu ehren; und die Gemeinden kamen, um sein Eh-renkleid zu sehen.
Nachdem der Mann einige Jahre so weitergelebt hatte, erwachte in seinem Herzen wieder der Ehrgeiz. Er begann erneut zu überlegen und neue, noch angenehmere Pläne zu schmieden:
„Ich sollte besser ein berühmter König sein als ein vielgepriesener General, dann wüßte ich we-nigstens sicher, daß alle Niedrigen und Hohen des Reiches meinem Fingerzeig folgen müßten. Was ich will, muß sofort geschehen! Jetzt muß ich im-mer wieder dem König die Ehre erweisen und ihn mit meinem Munde loben.“
Er nahm sein Kriegsbeil in die Hand und ging zum heiligen Baum, versetzte ihm einen Schlag, wartete einige Zeit auf das Erscheinen des Alten, doch umsonst. Er versetzte dem Baum einen zweiten Schlag und schaute sich um, ob der graue Alte käme, doch umsonst.
Nanu, dachte er, wo ist er denn, der alte Lump?
Dann führte er auf einmal fünf Schläge gegen den Baum, da öffnete sich die Erde mit großem Knall, und der graue Alte kam unter der Baum-wurzel hervor mit einem kupfernen Knüppel in der Hand und fragte mit sehr krächzender Stimme: „Was brauchst du wieder, großer Mann der Ehre und der Macht?“
„Ich möchte König werden, General sein ist keine große Sache; ich muß immer dem König huldi-gen gehen und ihm gute Worte geben“, gab der Mann zur Antwort.
„Überlege doch etwas! Was für ein Mann warst du früher, und was bist du jetzt! Dein Herz findet niemals Ruhe, der Ehrgeiz macht dich zum Schluß ganz verrückt! Ich begreife nicht, wie hoch willst du denn tatsächlich steigen?“ sagte der graue Alte böse.
Daraufhin schüttelte er kräftig den heiligen Baum, und der General wurde in einen Bären verwandelt und ging auf allen vieren, wie ein rich-tiger Bär. Nach einiger Zeit kam auch seine Frau dahin, der graue Alte schüttelte wieder den Baum, und die Frau wurde zur Bärin. Der Alte nahm ei-nen starken Knüppel in die Hand, schlug den bei-den Bären übers Fell, daß es nur so klatschte, und jagte sie weit in den Wald, wo sie kein Auge mehr sehen konnte und sie nie mehr zu Menschen wurden.



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