Die zwei Brüder und das wundersame Huhn

Einst lebte in einem Dorf in einer elenden Kate ein armer Mann mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Söhnen. Der Mann arbeitete fleißig, ging auf den Dorfacker Steine entfernen und in den Gemeindewald Reisig schlagen; dennoch herrschte in der kleinen Kate immer Not, und die Frau und die Kinder hatten oft nichts zu essen.
Einmal, als der Mann wieder im Walde war, um Reisig zu schlagen, kam ein altes Männlein in die Hütte und bat um Nachtquartier. Die Frau, verär-gert darüber, daß der Hunger stets ins Haus schaute, wollte zuerst den Fremden nicht aufnehmen, schließlich aber tat sie es doch.
Als der Alte am nächsten Morgen aufstand, sagte er zur Frau:
„Ihr seid stets vom Hunger bedroht. Wenn ihr wollt, lehre ich euch, wie ihr reich werden könnt. Verkauft eure letzte Habe, geht in die Stadt und kauft vom ersten Kaufmann, der euch beim Betreten der Stadt begegnet, irgendeine Sache.“
Die Frau erwiderte: „Unsere letzte Habe ist unsere alte Kuh.“
„Dann soll sie der Mann verkaufen und es so machen, wie ich es euch gelehrt habe“, sagte der Mann und ging davon.
Am Abend erzählte die Frau ihrem Mann, was vorgefallen war, hielt aber selbst die Worte des Alten für einen Spaß und war gegen den Verkauf der Kuh.
Der Mann dachte längere Zeit nach und sagte schließlich:
„Schön ist die Lehre des Alten gewiß. Ob sie auch wahr ist, weiß ich nicht, dennoch, man muß es versuchen. Wenn schon alles andere bei uns zu Ende ist, wird auch das alte Kuhgerippe uns nicht mehr lange ernähren. Ich will die Lehre des Alten befolgen.“
Am nächsten Tag verkaufte der Mann – obwohl seine Frau dagegen war – die buntscheckige Kuh und ging in die Stadt. Vor der Stadt kam ihm ein Hühnerhändler mit seinem Pferd entgegen, auf dem Wagen hatte er einen Riesenkorb mit Hühnern.
Der arme Mann dachte: Was soll ich nun mit einem nutzlosen Huhn anfangen! Dennoch kaufte er ein Huhn und brachte es nach Hause, komme, was da wolle.
Die Frau fing mit dem Mann schrecklich zu schimpfen an und wollte das Huhn zur Hütte hinausjagen. Schließlich ließ sie es doch bleiben. Ei-nige Tage darauf begann das Huhn zu glucken, und nach kurzem Suchen richtete es sich im Aschkasten ein Nest ein.
Am Abend ging der Kätner zur Feuerstelle, um Feuer für seine Pfeife zu suchen, und holte aus dem Aschkasten ein Ei hervor. Es war kupferfar-ben und gewichtig.
Nach ein bis zwei Wochen hatte der arme Mann bereits so viele Eier, daß er sie zum Verkauf in die Stadt bringen konnte. An der Schwelle einer Handlung fragte der Kaufmann: „He, Mann, was willst du für ein Paar Eier haben?“
Der Mann antwortete: „Noh, der werte Herr wird wohl selbst wissen, was ein Paar Eier kostet.“
„Zeig mir die Eier!“
Der Kaufmann besah sich die Eier und sagte dann: „Gut, ich gebe dir fünfzehn Rubel für das Paar.“
„Warum verspottet mich der Herr?“
„Nimm dann fünfundzwanzig Rubel!“
„Der Herr spaßt wohl?“
„Gibst du das Paar auch für fünfzig nicht?“
„Ach, Herr, laßt den Schabernack“, erwiderte der Mann, drehte dem Herrn den Rücken zu und ging.
Der Kaufmann rief ihn zurück: „Komm zurück, ich zahle dir hundert Rubel für ein Paar.“
Der Mann kehrte um und sagte zu sich: „Na schön, ich gebe ihm die Eier, wir wollen sehen, wieviel er mir wirklich für das Paar gibt: fünf oder vielleicht auch sechs Kopeken.“
Der Kaufmann führte den Mann in die Handlung und zählte ihm dort für jedes Paar Eier einhundert Rubel vor. Die Freude und das Staunen des Man-nes waren grenzenlos.
Der Kaufmann sagte: „Wenn du noch mehr Eier hast, dann bringe sie mir.“
Der Mann ging in überglücklicher Stimmung nach Hause, brachte den Kindern und der Frau Weißbrot und andere Eßwaren mit. Die Freude der Frau war nicht geringer als die des Mannes.
Nach einiger Zeit brachte der Mann wieder Eier in die Stadt und bekam von dem bekannten Kauf-mann ebenfalls einhundert Rubel für das Paar. Auf diese Weise verschwanden Armut und Elend aus der armen Kate, und statt dessen zog hier großer Reichtum ein. Sobald der Mann Eier hatte, brachte er sie jedesmal in die Stadt zu seinem bekannten Kaufmann.
Schließlich merkte der Mann, daß mit den Hüh-nereiern etwas nicht stimmte: Wer würde denn für ein Paar einfache Hühnereier jedesmal ein-hundert Rubel zahlen? Nein, diese Eier mußten aus Gold sein!
Und als er wieder Eier hatte, brachte der Mann sie in die Stadt, doch nicht mehr zu dem alten Kaufmann, sondern zu einem neuen und verlangte für ein Paar Eier noch mehr, als er vorher bekam. Der fremde Kaufmann war ebenfalls sofort bereit, die Eier für diesen Preis zu kaufen, und bat, falls mehr Eier da seien, ihm wieder welche zu bringen. Der Mann brachte mehrmals die Eier hin und wurde so zu einem reichen Mann.
Als er schon recht viel Geld hatte, zog er in die Stadt, kaufte sich dort große Häuser, richtete sich Geschäfte ein und begann zu handeln. Alle Men-schen in der Umgebung kauften bei ihm, und auch die anderen Kaufleute holten sich bei ihm Ware. Die Stadt, in der er handelte, lag am Meer, des-halb baute er sich schöne Schiffe, die ihm aus fremden Ländern die Ware brachten. Seine Kinder gingen zur Schule, und seine Frau trug teure Kleider.
Da geschah es, daß der Mann einmal selbst mit seinen Schiffen hinausfahren mußte. Die Ware wurde von weither gebracht, und sie war sehr teuer.
Beim Abschied sagte der Mann zur Frau: „Unser ganzes Vermögen ist mehrere hunderttausend Rubel wert. Du bleibst jetzt zu Hause, bewahre unser Vermögen. Laß die Kinder lernen und lebe selbst gut! Am meisten aber achte auf unser Hühnchen. Sollte es einen Wasser- oder Feuerschaden geben, sollte Not oder Krankheit kom-men, dann soll alles umkommen, unser Huhn aber sollst du retten: Kommt dieses Huhn um, woher sollen wir dann unsern Reichtum nehmen? Dann sind wir genauso arm wie vorher.“
Daraufhin ordnete der Mann alle seine Angelegenheiten mit den Gesellen und Dienern, ging zum Meer, stieg auf ein Schiff und fuhr davon. Viele Menschen waren zum Hafen gekommen, um ihn zu begleiten, und alle schauten ihm lange nach, wie er immer weiter und weiter fuhr und endlich hinter dem Meer ganz verschwand.
Nach der Abfahrt des Kaufmanns ging das Leben in der Stadt und im Hause des Kaufmanns auf die alte Weise weiter – ruhig und still. Die Söhne des Kaufmanns besuchten die Schule, der Handel lief im Geschäft weiterhin lebhaft, die Frau des Kaufmanns wurde von Tag zu Tag dicker, schmückte sich mit schönen Kleidern und wurde dabei immer hübscher und hübscher, wie ein junges voll erblühtes Mädchen. Da war es auch kein Wunder, daß die jungen Kaufleute und ihre Gesellen sich in sie verliebten und daß bei manchem von ihnen schon bei ihrem Anblick böse Gedanken im Herzen schwelten.
Es gab da insbesondere einen Kaufmannsgesellen, der mehr als die anderen in die schöne Kaufmannsfrau verliebt war und den die Kaufmanns-frau ebenso am meisten liebte. Die Sache ging so weit, daß die Kaufmannsfrau alle anderen aus ihrer Nähe vertrieb und sich nur noch mit dem auserwählten Gesellen heimlich abgab. Der Geselle ging fast jeden Tag und jede Nacht in den Garten des reichen Kaufmanns; dort lebten sie miteinander und verbrachten die Zeit unter den Bäumen. So ging es eine Weile. Der Geselle wurde der Frau immer lieber, so daß sie nach ihm viel mehr verlangte als der Geselle nach ihr.
Eines Tages kam der Geselle wieder in das Haus des reichen Kaufmanns. Die Frau war nicht zu Hause: Sie war weit in den Garten spazierengegangen. Der Geselle setzte sich im Zimmer auf einen Stuhl, um auf die Frau zu warten. Wie der Geselle so auf dem Stuhl saß, bemerkte er, daß ein buntes Huhn fortwährend gluckend unter dem Bett hervorkam und wieder darunter verschwand. Er bückte sich flink und ergriff das Huhn. Das war sehr sonderbar, denn bis dahin konnte keiner die-ses Huhn greifen, jetzt aber gelang es dem Gesellen.
Als er den rechten Flügel des Huhnes hob, stand dort mit goldenen Buchstaben geschrieben: Wer den rechten Flügel dieses Huhns ißt, wird König. Und unter dem linken Flügel stand geschrieben: Wer den linken Flügel dieses Huhns ißt, wird Gold speien.
Diese Aufschriften stiegen dem Gesellen zu Kopf. Er wartete nicht mehr, bis die Frau nach Hause kam, warf das Huhn von den Knien herun-ter und lief selbst in den Garten, der Frau nach.
Im Garten war er der Frau gegenüber sehr lieb und sagte: „Wenn du willst, daß ich dich ewig liebe, dann laß das Huhn schlachten, das im Zimmer gluckt; laß es für mich braten und mir zum Essen geben.“
Die Frau wollte es zuerst nicht tun. Der Geselle wurde jedoch böse und wollte weggehen. Da dachte die Frau: Wie dürfte ich dieses Huhn schlachten lassen? Mein Mann hat mir doch beim Wegfahren befohlen, es auch in der größten Not zu retten, auch wenn alles andere umkommt!
Doch die Liebe der Frau zum Gesellen war stärker als das Verbot des Mannes, und sie befahl dem Koch, das Huhn zu schlachten.
Der Koch schlachtete das Huhn, rupfte es und stellte es in der Pfanne in die Ofenröhre zum Braten. Der Geselle ging mit der Frau im Garten spa-zieren und wartete, bis der Braten fertig wurde. Sie unterhielten sich fröhlich und spazierten unter schönen Bäumen.
Inzwischen kamen die Söhne des Kaufmanns aus der Schule nach Hause, und da sie hungrig waren, machten sie sich sofort auf die Suche nach etwas Eßbarem, im Schrank oder anderswo. Der Koch war nicht in der Küche, die Jungen gingen zum Herd und aßen vom Huhn: der ältere Bruder den rechten Flügel und der jüngere den linken Flügel.
Als der Braten gar war, rief der Koch die Spaziergänger aus dem Garten zum Essen. Der Geselle war in sehr guter Stimmung und dachte: Jetzt werde ich bald König und fange an, unermeßlich viel Gold zu speien!
Doch was hatte nur das liebe Männlein, als es sah, daß auf der Schüssel die Hühnerflügel fehlten? Es wurde furchtbar wütend und sagte: „Auf die Flügel hatte ich gerade den größten Appetit, jetzt aber sind sie weg – ich will keinen Augenblick mehr hierbleiben.“
Daraufhin kehrte er der Frau den Rücken und stürmte aus dem Hause des Kaufmanns hinaus. Die Kaufmannsfrau wollte ihn zwar zurückhalten, doch er verschwand wie aus der Pistole geschos-sen und mit furchtbarer Wut im Herzen.
Einige Tage später ging der Geselle zu einer berühmten Hexe, um zu erfahren, wer die Hühnerflügel gegessen hatte. Die Hexe holte einen Eimer voll kalten Wassers ins Zimmer, ließ den Gesellen auf das Wasser schauen und schaute auch selbst darauf.
Nachher eröffnete sie dem Gesellen: „Wenn du die Herzen dieser Jungen aufessen könntest, würde all das Gute deins sein, ebenso wie du es auch beim Essen der Flügel erhalten hättest.“
Der Geselle ging nach Hause und erneuerte die Bekanntschaft mit der Kaufmannsfrau. Eines Tages sagte er zu ihr: „Wenn du willst, daß ich dich ewig liebe, dann laß diese Jungen – die Söhne des verreisten Kaufmanns – töten, aus ihren Herzen einen Braten bereiten und mir zum Essen vorsetzen.“
Die Kaufmannsfrau wurde sehr traurig und begriff nicht, warum sie ihre Söhne töten lassen sollte. Dennoch, als der Geselle sehr darauf drängte, gab sie um der Liebe willen dem Gesellen nach. Sie riefen den Koch herbei, erklärten ihm, wie er die Jungen in den Wald auf die Pilzsuche locken, sie dort töten und ihre Herzen nach Hause bringen sollte. Für diese Tat boten sie ihm viel Geld.
Der Koch wollte das Geld zuerst nicht nehmen und weigerte sich, die Kinder zu töten. Als aber die Kaufmannsfrau sehr böse wurde, ihn einen treulosen Sklaven nannte und auch noch bedrohte, mußte der Koch das Geld annehmen, der Kaufmannsfrau sowie dem Gesellen fest verspre-chen und schwören, daß er keinem etwas von seiner heimlichen Tat sagen wolle, die Jungen sofort in den Wald locken, sie töten und die Herzen nach Hause bringen werde.
Sowie die Jungen aus der Schule nach Hause gekommen waren, nahm der Koch einen Korb, wickelte ein Messer in Lappen, legte es in den Korb und sagte zu den Jungen: „Gehen wir aus der Stadt hinaus und laßt uns Pilze suchen! Heute ist schönes Wetter, im Wald gibt es sicher viele Pilze!“
Die Jungen freuten sich sehr darauf. Sie nahmen sich etwas Brot mit und gingen mit dem Koch aus der Stadt. Unterwegs waren die Jungen sehr lustig und dem Koch gegenüber freundlich und zugetan. Sie pflückten Blumen, liefen hin und her, erzählten dem Koch von der Schule, von ihrem verreisten Vater und von anderen Menschen. Den Koch erfaßte großes Mitleid mit ihnen. Je näher sie dem Walde kamen, desto schwerer wurde dem Koch das Herz.
Schließlich konnte er es nicht mehr aushalten und erzählte ihnen alles: „Wißt ihr, Kinder, warum ich euch in den Wald bringe? Wir wollen nicht Pilze suchen. Eure Mutter hat mir befohlen, euch zu töten und eure Herzen im Korb nach Hause zu bringen. Wie kann ich aber eine solche Missetat begehen?“
„Oh, das macht nichts“, erwiderte der ältere Bruder. „Hier am Weg ist ein Dorf, wir kaufen dort zwei Lämmer, bringen sie in den Wald und schlachten sie. Du bringst ihre Herzen nach Hause, wir aber gehen, so weit wir kommen. Sei du aber zu Hause mutig und verrate nicht, daß es Lämmerherzen sind.“
Der Koch und der jüngere Bruder waren mit diesem Rat einverstanden. Sie gingen ins Dorf, kauften zwei Lämmer, schleppten sie in den Wald und schlachteten sie dort. Der Koch ging mit den Herzen nach Hause, die Jungen aber gingen weiter. Vor der Trennung verabschiedeten sich die dankbaren Brüder freundlich vom Koch, und der jüngere Bruder schenkte ihm viel Gold.
Die Jungen gingen lange Zeit zusammen, sie kamen durch mehrere Städte und fremde Länder. Nirgends litten sie Not oder Mangel. Wenn sie Geld brauchten, spuckte der jüngere Bruder soviel Gold, wie sie benötigten.
Nachdem die Brüder schon einen sehr weiten Weg zurückgelegt hatten und an eine große Wegkreuzung gekommen waren, sagten sie: „Nun sind wir lange zusammen gewandert, wir wollen uns jetzt trennen. Wer weiß, vielleicht kommen wir im Leben noch einmal zusammen.“
Der jüngere Bruder spuckte für den älteren die Taschen voll Gold, dann küßten sie sich, nahmen Abschied und trennten sich. Der ältere Bruder ging nach rechts, der jüngere nach links, und bald hatten sie sich aus den Augen verloren.
Der ältere Bruder war lange Zeit umhergeirrt. Schließlich kam er in eine Stadt. Alle Stadtbewoh-ner waren traurig. An den Häusern wehten schwarze Trauerfahnen. Der alte König war gerade gestorben, und niemand wußte, woher sie einen neuen König nehmen sollten. Der ältere Bru-der hatte aber noch keinen gefragt, warum die Stadtbewohner trauern, sondern war ruhig immer weiter in die Stadt gegangen.
Als er mitten in der Stadt war, sah er über dem schäumenden Fluß, der durch die Stadt floß, eine wunderschöne Brücke. Unzählige Feuer brannten auf den Brückenpfeilern, auf beiden Seiten der Brücke standen bewaffnete Soldaten und ließen das Volk, das über die Brücke ging, an sich vorbei.
Der ältere Bruder ging ebenfalls nichtsahnend hin, um über die Brücke zu gelangen. Plötzlich erloschen alle Lichter auf der Brücke, die Soldaten stürzten sich auf ihn und nahmen ihn fest. Ihm, dem Mann, wurde angst und bange, und er dachte: Über diese Brücke darf wohl kein Fremder ge-hen, jetzt wird man mich ins Gefängnis werfen.
Die Soldaten brachten ihn aber in den königlichen Palast, zogen ihm königliche Kleider an und ernannten ihn zum König. Das Volk holte die Trauerfahnen ein, zog die Trauerkleider aus und war fröhlich. Der junge König fing an zu regieren. Er wurde ein sehr kluger und mächtiger Herrscher und unter den anderen Königen weithin berühmt.
Auch der jüngere Bruder war lange umhergewandert. Eines Abends kam er zu einem Schmied und bat ihn um Nachtquartier. Der Schmied nahm ihn freundlich auf. Am Abend begannen sie sich über dies und jenes zu unterhalten. Der Junge war sehr gescheit und brachte mit seinen Reden den Schmied ins Staunen.
Dem Schmied kam der Gedanke, den Jungen ins Handwerk zu nehmen und ihn die Schmiedearbeit zu lehren. Der Junge war damit einverstanden und fing an, das Schmiedehandwerk zu erlernen. Nach einem Jahr war er in der Arbeit so bewandert, daß er viele Dinge besser konnte als der alte Schmied selber. Sein Ruhm verbreitete sich weithin über das Land.
Eines Tages schickte der Gutsherr seinen Kutscher mit den Pferden zum Schmied und befahl ihm, die Pferde schön zu beschlagen, denn er wolle zu einem großen Fest fahren.
Der alte Schmied sagte: „Mein Pflegesohn, der junge Schmied, wird die Pferde schön beschlagen.“
Er selbst blieb mit dem Kutscher vor dem Hause zu einem Schwätzchen, denn der junge Schmied hatte gesagt, daß er die Pferde allein be-schlagen werde und keinen dabei brauche. Er ging in die Schmiede, spuckte in eine Ecke der Schmiede so viel Gold, wie er für die Hufeisen der Pferde für nötig hielt, nahm dann die fertigen goldenen Hufeisen und beschlug mit diesen ganz allein die Pferde.
Als die Pferde beschlagen waren, rief er den Kutscher und zeigte ihm seine Arbeit. Der Kutscher staunte sehr, woher er denn so viel Gold genommen habe, und fuhr mit den Pferden vor das Gutshaus, um dem Herrn zu zeigen, was für Hufeisen die Pferde erhalten hatten.
Der Herr kam heraus, um sich die Hufeisen anzusehen, und wußte nicht wohin vor Freude und Staunen darüber, daß seine Pferde goldene Hufeisen trugen.
„Woher sollte der junge Schmied das viele Gold bekommen haben?“ fragte er und befahl dem Kutscher, zurückzugehen und zu fragen, woher der junge Schmied das Gold hatte.
Der Kutscher fuhr zurück, um zu fragen. Der junge Schmied erwiderte: „Wenn der Gutsherr will, kann ich ihm auch einen goldenen Wagen machen.“
Als der Gutsherr das hörte, fuhr er selbst zum Schmied und sagte: „Wenn du mir einen goldenen Wagen machst, dann will ich selber vom Gut weg-gehen und das Gut dir überlassen.“
Der junge Schmied erwiderte: „Es ist recht.“
Jetzt verbot der junge Schmied sämtlichen Hausbewohnern, die Schmiede zu betreten. Er selbst jedoch ging täglich hin und spuckte eine Ecke der Schmiede voll Gold.
Als soviel Gold da war, daß es für den Wagen reichen mochte, sagte er eines Tages zum alten Schmied: „Gehen wir jetzt an die Arbeit!“
Der alte Schmied kam mit, und sie begannen den goldenen Wagen zu bauen. Alles wurde sehr genau, nach den feinsten Regeln ausgeführt. Als der Wagen fertig war, wurde aufs Gut die Nachricht geschickt, daß der Wagen fertig sei, man solle ihn abholen kommen.
Als der Wagen vor das Gutshaus gebracht wurde, kam der Gutsherr heraus, betrachtete ihn, setzte sich dann mit seiner Frau und den Kindern hinein und fuhr davon.
Das große, schöne Gut blieb dem jungen Schmied, und er konnte dort froh und sorglos leben, denn die Felder des Gutes waren sehr gut. Es gab auch einen großen Obstgarten, und ein Fluß floß durch das Gut. Das ganze Volk aus der Umgebung war voll des Lobes über die Schönheit und Freundlichkeit des jungen Gutsherrn.
In der Nähe des Gutes, jenseits des Flusses, lebte in einem prächtigen Hause ein alter General mit seinen fünf hübschen Töchtern. Die Töchter hörten in ihrem Garten jeden Abend, wie der junge Gutsherr in seinem Garten wunderschön die Kannel spielte (denn der junge Gutsherr verstand wirklich sehr schön darauf zu spielen). Dieses Spiel ging den Mädchen derart zu Herzen, daß sie wer weiß was dafür gegeben hätten, nur um den jungen Mann zu sehen. Schließlich konnten sie nicht mehr anders und schickten ihr Mädchen nach dem jungen Gutsherrn.
Der junge Gutsherr kam zu ihnen, war sehr freundlich und zuvorkommend. Am nächsten Abend wurde er wieder eingeladen. Er ging wieder hin – und so besuchte er sie fast jeden Tag. Die Generalstöchter waren alle in ihn verliebt und wollten, daß er eine von ihnen heirate. Der junge Gutsherr wollte es aber nicht. Darüber ärgerten sich die Mädchen.
Als eines Abends der junge Gutsherr wieder bei ihnen war, gaben sie ihm ein Schlafmittel ein und legten ihn in ihr Bett schlafen. Nachher banden sie ihn mit einem Strick auf einem Brett fest und ließen ihn den Fluß hinunterschwimmen. Als er aufwachte, umgab ihn schon das weite Meer. Er woll-te den Kopf heben, konnte es aber nicht. Alle seine Glieder – sein Kopf, seine Beine, seine Arme – waren festgebunden. Die Wellen trieben das Brett immer weiter.
Nach einiger Zeit wurde das Brett an eine fremde Insel und auf einen Sandstrand geschwemmt. Auf irgendeine Weise gelang es dem jungen Gutsherrn, sich hier endlich von den Stricken zu befreien. Er ging auf die Insel. Sie war ihm völlig fremd. Überall wuchsen prächtige fremdartige Bäume. Verschiedene Vögel flogen umher und sangen in den Zweigen. Doch nirgends sah er einen Menschen. Er ging auf der Insel weiter, fand verschiedenes Obst, aß es und richtete sich auf der Insel ein.
Eines Tages aß er von einem Apfelbaum einen Apfel und wurde sogleich zum Pferd. Von irgendwoher sprang plötzlich ein großer Bär hervor und lief ihm nach. Das Pferd lief, so schnell es konnte, doch der Bär blieb nicht zurück.
Schließlich rief der Bär: „Bleib stehen! Ich bin ebensoeiner wie du, bin gleichfalls durch einen Apfel zum Bären geworden. Hier auf der Insel gibt es viele Bäume, deren Früchte die Menschen in verschiedene Tiere verwandeln können; dagegen gibt es aber auch solches Obst, das die Tiere wie-der in Menschen verwandelt.“
Zuerst wollte das Pferd den Reden des Bären nicht glauben, schließlich ging es aber doch zu ihm hin. Der Bär brachte ihn in einen großen Garten, in dem viele Bäume wuchsen. Dort nahm er von einem Baum einen Apfel, aß selbst davon und gab auch dem Pferd vom Apfel zu essen – plötzlich waren sie beide wieder Menschen.
Der Mann, der vorher ein Bär gewesen war, erzählte jetzt ausführlich von den Eigenschaften der Wunderbäume und zeigte dem jungen Gutsherrn, welche Früchte die Menschen zu Ziegen machen, welche zu Schweinen, Schafen, Bären, Elefanten usw. Zum Schluß zeigte er ihm auch den Baum, dessen Früchte die Tiere wieder in Menschen verwandeln.
Sie spazierten nun immer zusammen und warteten auf ein Schiff, um wieder in ihr Land zu gelangen, denn der andere Mann war ebenfalls durch ein Unglück auf diese Insel geraten. Das Schiff kam jedoch nicht. Sie warteten lange, aber es kam und kam keins.
Endlich kam doch noch ein Schiff, und es sollte glücklicherweise genau an dem Gut vorbeifahren, das dem jungen Gutsherrn gehörte. Darüber freute sich der junge Gutsherr besonders. Er nahm Äpfel mit, die die Menschen in Stuten verwandelten, und verließ die Insel.
Zu Hause warteten die Gutsleute schon lange in großer Sehnsucht auf ihn. Freude und Jubel wollten kein Ende nehmen, als er zurückkehrte. Er war wieder wie vorher sehr freundlich und mildtätig. An schönen Abenden ging er in den Garten, setzte sich auf eine Bank unter einen Baum und spielte die Kannel.
Die Generalstöchter hörten es und konnten sich nicht genug wundern: Wieso konnte der junge Gutsherr vom fernen Meer wieder nach Hause zu-rückkehren! Das Spiel klang noch schöner als zuvor und ließ die Herzen der Generalstöchter noch höher schlagen. Tag und Nacht fanden sie keine Ruhe mehr.
Schließlich schickten sie wieder ihr Mädchen zum jungen Gutsherrn und ließen ihn zu sich bitten. Der junge Gutsherr ging hin. Er war viel ge-sprächiger und fröhlicher als vorher. Vor dem Weggehen nahm er aus der Tasche fünf Äpfel und gab sie den Generalstöchtern. Sobald die Generalstöchter die Äpfel gegessen hatten, wurden sie alle fünf zu hübschen Stuten: Sie wieherten und schnaubten, als verlangten sie sofort nach einem Hengst.
Als der General erfuhr, was der junge Gutsherr mit seinen fünf hübschen Töchtern gemacht hatte, wurde er furchtbar böse, verklagte den jungen Gutsherrn beim Gericht und schwor, komme, was da wolle, sich schrecklich an ihm zu rächen.
Schon beim ersten Gericht wurde der junge Gutsherr zur Verbannung verurteilt. Das zweite Gericht war noch strenger: Der junge Gutsherr wurde sogar zum Tode verurteilt. Und dieses Urteil blieb. Der Gutsherr wandte sich wohl an alle Gerichte, doch es kam nichts Besseres heraus, stets dasselbe – der Gutsherr solle erschossen werden. Schließlich kam die Sache vor ein Kriegsgericht, aber auch dieses verurteilte ihn zum Tode.
Auf einem großen freien Platz wurde ein hoher Pfosten aufgestellt und der junge Gutsherr mit starken Stricken an diesen Pfosten gebunden; er war weiß gekleidet. Neben dem Pfosten wurde ein tiefes Grab ausgegraben, damit der Gutsherr, wenn ihn die Kugeln zerfetzten, sofort in dieses Grab falle und man ihn mit der Erde zuschütte.
Das Militär stand schon dem Pfosten gegenüber, die Soldaten hielten die Gewehre im Anschlag, und der Oberste kommandierte: eins, zwei. Fast hätte er auch drei gesagt, und dann wäre der junge Gutsherr zu Staub zerfetzt worden, doch in diesem Augenblick kam der König auf den Richtplatz und fragte nach dem Namen des Gefangenen (denn vorher hatte er vergessen, danach zu fragen). Man nannte ihn ihm. Es war derselbe Name wie der des Königs.
Der König ging an den Pfosten, um sich den Gefangenen anzusehen, und erkannte sofort, daß da sein eigener Bruder stand. Er ließ ihn vom Pfosten losbinden und machte ihn nach sich zum höchsten Manne im Lande. Nun begannen sie gemeinsam zu herrschen und herrschten sehr klug.
Nachdem sie schon eine geraume Zeit ge-herrscht hatten, sprachen sie einmal von ihrem Vater und ihrer Mutter und beschlossen, sie besuchen zu gehen. Sie zogen sich prächtige Kleider an, darüber aber alte Bettlerkleider, und machten sich auf den Weg.
Nach einigen Wochen gelangten sie in ihre Heimatstadt. Sie gingen sofort in ihr Vaterhaus. Es war Abend. In ihrem Vaterhaus wurde gerade ein großes Fest gefeiert. Die armen Bettler baten um ein Nachtquartier. Die reiche Kaufmannsfrau kam in die Küche und sagte, daß für die Armen heute kein Platz da sei, denn heute hätten sie feine Gä-ste im Haus. Die Armen baten jedoch sehr und sagten, sie wüßten nicht, wohin sie in der Dunkelheit und an einem fremden Ort gehen sollten.
„Wir bitten, uns ein Nachtquartier zu geben.“
Schließlich ließ man sie doch da und befahl ihnen, sich in einer Küchenecke ruhig zu verhalten. Aus den Wohnräumen ertönte Musik, und es wur-de ununterbrochen gefeiert. Das Küchenmädchen erzählte den Bettlern, daß heute die reiche Kaufmannsfrau heirate – einen hübschen Kaufmannsgesellen. Besuch sei aus nah und fern gekommen. Die Bettler hörten sich das alles aufmerksam an. Nach einiger Zeit kam ein anderer Bediensteter aus den Zimmern in die Küche und berichtete, die Gäste hätten angefangen von alten Zeiten zu erzählen.
Daraufhin sagten die Bettler: „Wenn die Gäste wollen, dann sollen sie uns kommen lassen, damit wir alte Geschichten erzählen. Wir kennen sehr schöne alte Geschichten.“
Der Bedienstete ging hinein und teilte dies mit. Die Kaufmannsfrau wollte die Armen nicht ins Zimmer lassen, doch die Gäste verlangten, daß man sie hereinkommen lasse: Sie sind alt, natürlich kennen sie schöne Geschichten.
Daraufhin ließ man die Bettler in die Stube. Sie erzählten dieselbe Geschichte, von der hier schon berichtet wurde, und als sie zu Ende erzählt hatten, warfen sie die Bettlerkleider ab und standen da schlank wie die Tannen in ihren glänzenden königlichen Kleidern, mit vielen Ehrenzeichen an der Brust und mit Schwertern in den Gürteln vor den staunenden Gästen. Auch ihr Vater war aus den fremden Ländern zurückgekehrt und stand mit den anderen dabei.
Ihre Mutter und der Kaufmannsgeselle wurden an Ort und Stelle gebunden und sofort in den Gefängnisturm geworfen.



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